[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Geschichte vom kleinen roten Akkordeon

Dunkel war es, sehr dunkel. Das kleine Akkordeon wusste nicht, wie lange es schon in dieser Dunkelheit zugebracht hatte. Manchmal war es warm gewesen, manchmal kalt, manchmal etwas feucht, manches Mal knochentrocken. Aber dunkel - dunkel war es immer gewesen. Deshalb erschrak es auch so sehr, als plötzlich blendendes Licht um es herum war. Sollte . ja, sollte die jahrelange Gefangenschaft ein Ende haben? Sollte jemand die dunkle Kiste geöffnet haben? Hatte endlich jemand sich daran erinnert das es noch da war? Große Freude packte das kleine rote Akkordeon, aber fast gleichzeitig auch Angst und Erschrecken. Was wäre, wenn. Bloß nicht daran denken! Es spürte, wie es aus dem dunklen Koffer gehoben wurde, und nach langer Zeit wieder in der Luft zu schweben, machte es fast schwindelig. Oh, die Luft, die gute, alte frische Luft. Jetzt tief durchatmen dürfen . Meine Güte. Als es tief Luft holte, wurde es brutal eines Besseren belehrt. Nichts war es mit guter Luft - nur Staub und Spinnweben. Brr. Das arme Akkordeon hustete und spuckte, und beinahe wäre es der Länge nach auf den Boden geplumpst, wenn nicht zwei andere starke Hände es aufgefangen hätten. Nein, sie würden es sicher sofort wieder in die dunkle Kiste sperren! Wer konnte schon etwas anfangen mit einem so alten Akkordeon wie ihm, das nicht einmal mehr richtige Töne erzeugen konnte, nur Krächz- und Ächzlaute. Vor Aufregung begann das kleine rote Akkordeon zu schwitzen, der Schweiß lief ihm über den Balg und die Tasten, und ein dichter Nebel legte sich vor seinen Blick Nein, nur nicht wieder in die Kiste. Ich probiere es noch einmal. Es muss doch gehen, es muss. Noch einmal tief Luft geholt, und bloß nicht aufgeben. Oh weh - das sollte ein Ton sein? Es erinnerte sich wieder an alte Lieder, die es einmal hatte spielen dürfen, wunderschöne Töne, die man ihm entlockt hatte. Wenn es wieder so werden könnte. Vielleicht konnte es ja wieder so werden. Warum sonst hatte man es herausgeholt, nach all der Zeit? Und das kleine rote Akkordeon mühte sich und mühte sich. Und mit jedem Mal klangen die Töne besser, die es aus sich herausquetschte, bis es sich schließlich anhörte wie - ja, so musste ein Akkordeon klingen. Genau so! »Meinst Du, man kann noch etwas damit anfangen?« fragte Mutter skeptisch. »Es ist ja doch schon sehr alt!« »Aber es geht ja schon wieder ein bisschen«, Vater kratzte sich am Kopf. »Vielleicht kann man es ja reparieren lassen. Willst du es denn wirklich haben?« wandte er sich an seinen Sohn. Benjamin nickte eifrig mit dem Kopf und schlang beide Hände um das unansehnliche alte Teil. »Ganz bestimmt. Schau' nur, es hat sich doch so angestrengt. Es will ganz bestimmt, das ich es spiele«. »Na ja, na ja.«, murmelte Mutter halblaut. Aber Vater erinnerte sich an ganz alte Zeiten, als er selbst mit dem kleinen roten Akkordeon gespielt hatte; als es noch funkelnagelneu gewesen war. Und wie stolz war er damals gewesen. Doch, Vater konnte Benjamin verstehen. Und als sie die Treppe vom Dachboden wieder hinunterstiegen, unter Vaters Arm die Kiste mit dem Akkordeon darin, warfen Vater und Sohn sich einem wissenden Blick zu: Ja, sie beide hatten das Akkordeon verstanden.