[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die frierende Schwester

Es waren eine Mutter, ein Sohn und eine Tochter. Die Mutter wollte, dass ihr Sohn ihre Tochter heiratet, doch die Tochter wollte das durchaus nicht. Da plagte die Mutter sie mit allerlei Arbeiten - sie musste mähen und harken. Die Mutter befahl ihr, viele Kleider zum Waschen einzuweichen und schickte sie barfuss und nackt, die Wäsche zu klopfen. Und das war im Winter. Da klopfte sie, o lieber Gott, klopfte und klopfte und fror durch und durch. Als sie alles geklopft hatte, hängte sie die Kleider zum Trocknen auf, doch die Mutter verriegelte vor ihr die Tür und ließ sie nicht hinein. Da sang sie vor dem Fenster: »Mach mir doch auf, Mütterlein, mach mir doch auf!
Geklopft hab' ich jedes Kleid und aufgehängt,
Erfroren sind Händchen mir und Füßlein!«
»Wenn du Frau sein willst,
Meines Sohnes Gattin,
Dann mach' ich auf die Tür.«
»Niemals, o liebe Mutter, o niemals!« Sie kommt wieder und singt ebenso vor dem anderen Fenster: »Mach mir doch auf, Mütterlein, mach mir doch auf!
Geklopft hab' ich jedes Kleid und aufgehängt,
Erfroren sind Händchen mir und Füßlein!«
Und wieder antwortet ihr die Mutter und singt: »Wenn du Frau sein willst,
Meines Sohnes Gattin,
Dann mach' ich auf die Tür.«
Doch sie ist schon, du lieber Gott, ganz erfroren und steif geworden. Da singt sie wieder vor dem nächsten Fenster: »Mach mir doch auf, Mütterlein, mach mir doch auf!
Geklopft hab' ich jedes Kleid und aufgehängt,
Erfroren sind Händchen mir und Füßlein!«
Doch die Mutter: »Wenn du Frau sein willst,
Meines Sohnes Gattin,
Dann mach' ich auf die Tür.«
Doch sie ist schon ganz und gar durchgefroren: »O weh, ich will ja, liebe Mutter, o weh, ich will ja!« Da schob die Mutter von der Tür den Riegel zurück und ließ sie ein. Sie spaltete viele Holzspäne, ging hinaus in die Kammer und zündete sich ein wärmendes Feuer an. Sie wärmt sich und singt dabei: »Spalte, Gott, die Erde,
Spalte, Gott, die Erde.
Nimmt der Bruder die Schwester,
Nimmt der Bruder die Schwester.
Kurz ist das Leben,
Kurz ist das Leben -
Groß ist die Sünde,
Groß ist die Sünde.«
Doch als die Mutter das hörte: »Was jaulst du da in einem fort?«

»Was ich da -. Ich tröste mich, ich erheitere mich, ich wärme mich.« Sie darauf wieder eilig zurück in den Wohnraum. Doch die Erde hatte schon einen riss bekommen. Sie singt zum zweiten und zum dritten Male: »Spalte, Gott, die Erde,
Spalte, Gott, die Erde.
Nimmt der Bruder die Schwester,
Nimmt der Bruder die Schwester.
Kurz ist das Leben,
Kurz ist das Leben -
Groß ist die Sünde,
Groß ist die Sünde.«
Da spaltete sich die Erde, es bildete sich ein Weg, die Erde Schloss sich über der Kammer. Da kommt die Mutter aus dem Wohnraum - keine Spur fand sie mehr. Wo ist die Tochter? Doch die ging und ging, ging und ging den Weg entlang. Dann kam sie zu einem Haus. Sie geht hinein - dort drinnen sind Frauen, die nähen. Auch sie hat dann dort genäht. Doch die Mutter und der Sohn sind gestorben und verdorben.