[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Schwarze Stier von Norwegen

Es lebte einmal ein König, der hatte drei Töchter. Die beiden ältesten waren hässlich und hochmütig, die jüngste aber war das sanfteste und schönste Mädchen, das man sich nur denken kann. Wie es nun so geschieht, sprachen die drei Königstöchter eines Abends über den Mann, den sie heiraten würden. »Ich will nur einen König haben«, sagte die älteste. Die zweite wünschte sich einen Königssohn oder zumindest einen Herzog. »Pah«, sagte die jüngste und lachte, »ihr beide wollt ja hoch hinaus. Ich dagegen wäre schon mit dem Schwarzen Stier von Norwegen zufrieden.«

Am nächsten Morgen hatten sie ihr Gespräch längst vergessen. Doch als sie beim Frühstück saßen, hörten sie vor der Tür ein grässliches Gebrüll. Und was war's? Der Schwarze Stier kam seine Braut holen. Ihr könnt euch denken, wie die Mädchen erschraken, denn der Schwarze Stier war eins der fürchterlichsten Wesen, die es gab. Der König und die Königin wussten nicht, wie sie ihre Tochter retten sollten. Endlich beschlossen sie, den Stier mit der alten Hühnerfrau wegzuschicken. Sie setzten ihm die Alte auf den Rücken, und fort trabte der Stier mit ihr, bis er zu einem großen, schwarzen Wald kam. Dort warf er sie ab und kehrte zurück, wobei er noch lauter und schrecklicher brüllte als zuvor. Da gaben sie ihm die Dienerinnen mit, eine nach der andern, dann die beiden älteren Prinzessinnen. Aber keiner erging es besser als der Hühnerfrau. Am Schluss mussten der König und die Königin ihm doch die jüngste, ihre Lieblingstochter, mitgeben.

Weit ritt sie auf dem Schwarzen Stier, durch dichte Wälder und einsame Wüsteneien, bis sie schließlich zu einem Schloss gelangten. Dort war eine vornehme Gesellschaft versammelt. Der Schlossherr bat die liebliche Königstochter zu bleiben, obgleich er sich über ihren seltsamen Begleiter wunderte. Als sie sich unter die Gäste mischten, entdeckte die Königstochter im Fell des Schwarzen Stiers eine Nadel. Sie zog sie heraus, und mit Staunen sahen alle, wie sich das wilde Tier in einen Herzog verwandelte. Er war der schönste Mann, den man je gesehen hatte. Ihr könnt euch vorstellen, wie entzückt die Königstochter war. Er warf sich ihr zu Füßen und dankte ihr, dass sie den grausamen Zauber gebrochen hatte. Aber ach! Plötzlich war der junge Herzog aus ihrer Mitte verschwunden, und man konnte ihn nirgends finden. Die Königstochter, die sich soeben noch übermäßig gefreut hatte, war nun tieftraurig. Sie beschloss, ihren Liebsten in der ganzen Welt zu suchen. Auf vielen beschwerlichen Straßen wanderte sie dahin, aber lange Zeit hörte sie nichts von ihm.

Einmal verirrte sie sich in einem finsteren Wald, verlor den Weg, und als es Nacht wurde, glaubte sie, vor Hunger und Kälte sterben zu müssen. Endlich sah sie durch die Bäume ein Licht schimmern und kam zu einer kleinen Hütte. Dort lebte eine alte Frau, die sie einließ und ihr etwas zu essen und ein Bett zum Schlafen gab. Am Morgen schenkte ihr die Alte drei Nüsse. Die sollte sie aber erst aufmachen, wenn ihr das Herz vor Kummer zu brechen drohte. Dann zeigte ihr die Alte den Weg und wünschte ihr eine gute Reise.

Die Königstochter war noch nicht weit gekommen, da ritt eine Gesellschaft edler Damen und Herren an ihr vorüber. Sie unterhielten sich vergnügt über die Festlichkeiten, die sie auf der Hochzeit des Herzogs von Norwegen erwarteten. Danach begegnete sie Leuten, die trugen schöne Geschenke, und auch sie begaben sich zur Hochzeit des Herzogs. Endlich kam sie zu einem Schloss, wo sie unzählige Köche und Bäcker sah. Die einen liefen hierhin, die andern dorthin, und alle waren sehr beschäftigt. Während sie noch diesem Treiben zusah, hörte sie, wie hinter ihr Jäger nahten, und einer rief: »Macht Platz für den Herzog von Norwegen!« Und wer ritt vorbei? Ihr Herzog, in Begleitung einer schönen Dame. Bei diesem Anblick, da könnt ihr sicher sein, wurde ihr Herz so schwer, dass es vor Kummer zerspringen wollte. Schnell brach sie eine Nuss auf. Heraus kam ein winziges Weiblein, das Wolle auszog. Da ging die Königstochter ins Schloss und verlangte die schöne Dame zu sprechen. Kaum hatte diese das winzige Weiblein gesehen, das emsig bei der Arbeit war, bot sie dem Mädchen dafür alles im Schloss an, was es nur haben wollte. »Unter einer Bedingung will ich dir die Nuss geben«, sprach die Königstochter. »Du musst deine Hochzeit mit dem Herzog von Norwegen um einen Tag verschieben, und in der Nacht möchte ich allein in sein Zimmer gehen.« So sehr wünschte die Dame sich die Nuss, dass sie einwilligte.

Als es dunkle Nacht war und der Herzog fest schlief, wurde die Königstochter in sein Zimmer geführt. Sie setzte sich neben sein Bett und begann zu singen: »In der Ferne sucht ich dich.
In der Näh jetzt sitze ich.
Dreh dich doch um zu mir,
Ich möcht sprechen mit dir.«
Obwohl sie das Verslein immer wieder sang, wachte der Herzog nicht auf. Am Morgen musste die Königstochter ihn verlassen, ohne dass er wusste, wer bei ihm gewesen war. Da brach sie die zweite Nuss auf. Heraus kam ein winziges Weiblein, das spann. Das gefiel der schönen Dame so sehr, dass sie bereitwillig ihre Hochzeit um einen weiteren Tag verschob. Die Königstochter aber hatte in der zweiten Nacht keinen besseren Erfolg als in der ersten. Sie war der Verzweiflung nahe, als sie die letzte Nuss aufbrach. Diese enthielt ein winziges Weiblein, das Garn aufwickelte, und unter derselben Bedingung wie zuvor erhielt die schöne Dame die Nuss.

Als sich der Herzog an diesem Morgen anzog, fragte ihn sein Diener, was der seltsame Gesang und die Klagen zu bedeuten hätten, die in den beiden letzten Nächten aus seinem Zimmer gedrungen wären. »Das wirst du dir nur eingebildet haben«, sagte der Herzog. »Ich habe nichts gehört.«

»Nehmt heute Nacht keinen Schlaftrunk und legt Euer Schlummerkissen beiseite«, entgegnete der Mann »Dann werdet ihr hören, was mich die beiden letzten Nächte wach gehalten hat.«

Das tat der Herzog auch.

Die Königstochter kam herein, setzte sich neben sein Bett, seufzte und dachte, dass sie ihn jetzt wahrscheinlich zum letzten Mal sah. Als der Herzog aber ihre Stimme hörte, richtete er sich auf. Unter großer Freude umarmte und herzte er seine geliebte Königstochter. Dann erzählte er ihr, dass er sich lange Zeit in der Gewalt einer Zauberin befunden habe. Ihre Macht über ihn sei nun endgültig gebrochen, denn er hätte seine Retterin wieder gefunden. Die böse Zauberin floh aus dem Land und ward nie wieder gesehen.

Die Königstochter willigte ein, den Herzog zu heiraten. In großer Eile bereiteten jetzt alle im Schloss die Hochzeit vor, die alsbald gefeiert wurde. Damit endeten die Abenteuer des Schwarzen Stiers von Norwegen, und die Königstochter brauchte nicht mehr länger in der Welt umherzuirren.