[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Der Mönch und der Junge

Gott, der für alle gestorben ist, möge ein gutes und langes Leben denen geben, die meiner Geschichte zuhören! In einem gewissen Land war da ein Mann, der im Laufe der Zeit drei Frauen hatte. Von der ersten hatte er einen Sohn, der ein fröhlicher Junge war, aber von den anderen hatte er keine Nachkommen. Der Vater liebte diesen Jungen sehr, aber die Stiefmutter sah ihn mit bösen Augen an und hielt ihn knapp mit dem Essen und tat ihm manchen Tort an. Schließlich sagte sie zu dem Hauswirt: »Herr, ich bitte Euch herzlich, schickt diesen Jungen weg, der eine elende Plage für mich ist, und Lasst ihn bei jemandem andern dienen, der ihm das gibt, was er verdient.« Ihr Ehemann antwortete ihr und sprach: »Frau, er ist noch ein Kind. lass ihn noch ein weiteres Jahr bei uns bleiben, bis er eher imstande ist, sich durchzubringen. Wir haben einen Mann, einen kräftigen Kerl, der das Vieh draußen hütet; schau an, der Junge soll dessen Arbeit tun, und an seiner Statt werden wir den Burschen zu Hause haben.« Dem stimmte die Hausfrau zu.

So wurde der kleine Junge am Morgen ausgeschickt, die Schafe zu hüten, und auf dem ganzen Weg sang er laut aus fröhlichem Herzen, und sein Mittagsbrot trug er in einem Lumpen bei sich. Aber als er dann sah, was seine Stiefmutter ihm zu essen gegeben hatte, bekam er wenig Lust darauf, und er nahm sich nur ein wenig und dachte, er würde mehr bekommen, wenn er gegen Sonnenuntergang nach Hause zurückkehrte.

Der Junge saß auf einem Hügel und hütete die Schafe und sang. Da kam ein alter Mann daher und blieb stehen, als er das Kind erblickte, und sagte zu ihm: »Gott segne dich, mein Sohn!«

»Seid mir gegrüßt, Vater«, antwortete der Junge. Der alte Mann sagte: »Ich hungere sehr; hast du irgendetwas zu essen, von dem du mir ein wenig geben könntest?« Das Kind antwortete: »Ihr seid herzlich eingeladen, Vater, zu der Speise, die ich habe.«

Er gab also dem alten Mann, was von seinem Mahl übrig geblieben war, und der war herzlich froh darüber. Er aß und ließ es sich nicht verdrießen - es war nicht schwer, ihn zufrieden zu stellen. Als er fertig war, sagte er dann: »Gottes Lohn, Kind; und für die Speise, die du mir gegeben hast, will ich dir drei Dinge gewähren. Sag mir nun, was es sein soll.« Der Junge überlegte, und dann sagte er: »Ich hätte gerne einen Bogen, mit dem ich Vögel schießen kann.«

»Sogleich will ich einen für dich finden«, sagte der Fremde, »und der soll dir für dein ganzes Leben bleiben, und niemals wird es notwendig sein, ihn zu erneuern. Du musst ihn nur spannen, und schon trifft er das Ziel.« Dann übergab er ihm den Bogen und die Pfeile. Und als das Kind diese Dinge sah, lachte es laut vor Freude und war sehr zufrieden. »Und nun«, sagte der Junge, »wäre ich sehr froh, wenn ich eine Flöte hätte, und wenn sie auch noch so klein wäre.«

»Hier gebe ich dir eine Flöte«, sagte der alte Mann, »sie hat eine besondere Eigenschaft; denn wer auch immer, außer dir selbst, zuhört, wenn du spielst, der wird gezwungen zu tanzen. -... Ich versprach dir drei Dinge, sag mir, was soll das letzte sein?«

»Ich begehre sonst nichts«, antwortete der Junge. »Nichts?« fragte der Fremde. »Sprich, und was du willst, geschieht.«

»Nun denn«, sagte er und besann sich, »ich habe eine Stiefmutter zu Hause - sie ist eine zänkische Frau - und oft sieht sie so missgünstig auf mich, als wolle sie mir gar nicht wohl. Ich bitte Euch nun, macht, dass sie lachen muss, wenn sie mich so ansieht, bis sie zu Boden fällt, und dass sie immer weiterlachen muss, bis ich sie heiße aufzuhören.«

»Es ist dir gewährt«, sagte der Fremde. »Lebe wohl!«

»Gott sei mit Euch, Herr«, sagte der Junge.

Der Abend brach herein, und Jack ging voller Freude heim. Er nahm seine Flöte und spielte auf ihr, und alle seine Tiere und sein Hund tanzten in einer Reihe danach. Er spielte, während er dahinging, und die Schafe und Kühe folgten ihm auf den Fersen und auch der Hund, und sie tanzten den ganzen Weg lang, bis sie zum Hof seines Vaters kamen. Er steckte seine Flöte ein, sah nach, ob sie auch sicher sei, und dann ging er ins Haus. Sein Vater saß beim Abendessen, und Jack sagte zu ihm: »Ich bin hungrig, Herr, ich hatte nichts zum Mittagessen und hatte den ganzen Tag Mühe mit dem Vieh.« Der Hauswirt warf ihm einen Kapaunenflügel zu und sagte, das solle er essen. Die Hausfrau missgönnte ihm sehr, dass er so einen guten Bissen haben sollte, und sah mit scheelen Augen auf ihn. Aber mit eins brach sie in Lachen aus, und sie lachte und sie lachte, bis sie nicht mehr stehen oder sitzen konnte und zu Boden fiel. Sie lachte immer weiter und hörte nicht eher auf, als bis sie halbtot war. Und da sagte der Junge: »Mutter, genug!« Und sie lachte kein bisschen mehr, und darüber waren beide verwundert.

Nun liebte diese Hausfrau einen Mönch, der oft ins Haus kam. Als sie ihn das nächste Mal sah, beklagte sie sich bei ihm über den Jungen. Sie erzählte ihm, wie Jack sie hatte lachen lassen und wie er sich über sie lustig gemacht hatte, und sie bat den Mönch, er solle Jack am Morgen aufsuchen und ihn zur Strafe durchprügeln. »Ich will nach Eurem Wunsch tun, wie Ihr es begehrt«, sprach der Mönch. »Vergesst es nicht«, sprach die Hausfrau, »ich glaube, er kann hexen.«

Am andern Morgen machte sich also der Junge auf und trieb seines Vaters Vieh aufs Feld, und er nahm seinen Bogen und seine Flöte mit sich. Und der Mönch stand auch beizeiten auf, damit er nicht zu spät komme, und er kam zu dem Jungen und sprach ihn so an: »Wahrlich, Jack, was hast du deiner Stiefmutter angetan, dass sie über dich so zornig ist? Sag mir, was es ist, und wenn du mich nicht zufrieden stellen und mir alles erklären kannst, werde ich dich schlagen, ganz Gewiss.«

»Was bekümmert Euch«, sagte Jack. »Meine Stiefmutter ist so wohlauf wie Ihr. Lasst ab vom Schelten. Kommt, wollt Ihr sehen, wie ich einen Vogel mit meinem Bogen schieße und was ich noch alles kann? Wenn ich auch ein kleiner Kerl bin, so will ich doch jenen Vogel dort schießen, und er soll Euer sein.«

»Schieß zu«, sagte der Mönch.

Der Vogel war getroffen, kein Zweifel, und er fiel in einen Dornbusch. »Geht und holt ihn«, sagte Jack. Der Mönch stieg mitten in das stachlige Gesträuch und nahm den Vogel auf. Jack setzte die Flöte an die Lippen und begann zu spielen. Der Mönch ließ den Vogel fallen und fing an zu tanzen, und je lauter die Flöte klang, desto höher sprang er. Und desto mehr zerrissen die Dornen seine Kleider und bohrten sich in sein Fleisch. Sein Gewand war schon in Fetzen, und das Blut strömte ihm von Armen und Beinen. Jack spielte nur immer schneller und lachte laut heraus. »Lieber guter Jack«, keuchte der Mönch, »halt ein! Ich habe so lange getanzt, dass ich gleich sterben werde. lass mich gehen, und ich verspreche dir, dass ich dir nie wieder Böses antun will.«

»Springt auf der anderen Seite heraus«, sprach der Junge und ließ ab vom Flöten, »und seht zu, dass Ihr nach Hause kommt.«

Und der heilige Mann eilte der Schande wegen so schnell er nur konnte, denn die Dornen hatten ihn fast bis auf die Haut entblößt und ihn über und über blutig werden lassen. Als er zum Haus kam, fragten sie, wo er denn gewesen und wie er in einen solch üblen Zustand geraten sei. Die Hausfrau sagte: »Vater, ich sehe schon an Eurem Aufzug, dass Euch übel mitgespielt worden ist. Was ist Euch zugestoßen?«

»Ich war bei Eurem Sohn«, antwortete er. »Der Teufel soll mit ihm fertig werden, denn sonst kann das keiner.«

Da trat der Hauswirt ein, und seine Frau sagte zu ihm: »Da gibt es schöne Sachen! Dein lieber Sohn hat diesen armen heiligen Bruder beinahe erschlagen. O weh! O weh!« Der Hauswirt sagte: »Benedicite! Was hat Euch der Junge angetan, heiliger Bruder?«

»Er machte, dass ich in den Dornen tanzen musste, ob ich wollte oder nicht, und bei Unserer Frau! die Flöte klang so lustig, dass ich hätte tanzen können, bis ich geplatzt wäre.«

»Wenn Ihr so in den Tod gegangen wäret«, sagte der Hauswirt, »wäre es eine große Sünde gewesen.«

Der Junge kam gegen Abend zur üblichen Stunde zurück, und sein Vater rief ihn zu sich und befragte ihn wegen des Mönchs. »Vater, ich sage Euch, ich habe nichts anderes getan, ich habe ihm nur eine Weise gespielt.«

»Nun«, antwortete der Hauswirt, »lass mich selbst diese Flöte hören.«

»Der Himmel verhüte es!« schrie der Mönch und rang seine Hände. - »Ja doch«, sprach der Hauswirt, »spiel uns etwas vor, Jack.«

»Wenn Ihr ihn wirklich spielen lassen wollt«, flehte der Mönch kläglich, »bindet mich erst an einen Pfosten. Wenn ich diese Flöte höre, kann ich nicht anders und muss tanzen, und dann ist mein Leben nichts mehr wert. Dann bin ich ein toter Mann.«

Sie banden ihn an einem Pfosten in der Stubenmitte fest, und alle lachten über seinen Kummer, und einer sagte: »Nun ist keine Gefahr mehr, dass der Mönch zu Fall kommt.« »Nun, Junge«, sagte der Hauswirt, »fang an zu spielen.«

»Das will ich tun, Vater«, antwortete der, »bis Ihr mich bittet einzuhalten, und ich verspreche Euch, dass Ihr genug Musik haben werdet.«

Sobald der Junge seine Pfeife aufnahm und an den Mund setzte, begannen alle zu tanzen und zu springen, immer schneller und schneller und immer höher und höher, als ob sie den Verstand verloren hätten. Sogar der Mönch schlug mit seinem Kopf gegen den Pfosten und schrie vor Schmerz. Einige sprangen über den Tisch, einige taumelten gegen die Stühle, einige stürzten ins Feuer. Jack ging hinaus auf die Straße, und sie alle folgten ihm und sprangen dabei wie wild. Die Nachbarn fuhren auf bei dem Klang und kamen aus ihren Häusern, sie sprangen über die Zäune. Und manche, die schon zur Ruhe gegangen waren, sprangen aus ihren Betten, und nackt, wie sie waren, eilten sie ins Dorf und schlossen sich der Menge an, die Jack auf den Fersen folgte. Sie waren alle wie in einer Raserei, und sie schnellten sich in die Höhe und schauten nicht, wohin sie stürzten, und einige, die erlahmt waren und sich nicht mehr auf den Füßen halten konnten, tanzten auf allen vieren.

Der Hauswirt sagte zu seinem Sohn: »Jack, ich glaube, es ist besser, du hörst auf.«

»So soll es sein«, sagte der Junge, und er ließ sogleich von seinem Spiel ab. »Das ist das lustigste Treiben, das ich in den letzten sieben Jahren kennen gelernt habe«, sagte der Hauswirt. »Du verfluchter Junge«, rief der Mönch aus, als sie zum Haus zurückkehrten, »ich will dich vor den Richter bringen. Sieh zu, dass du am Freitag dort bist.«

»Gut«, antwortete der Junge, »ich will dort sein. Ich wünschte von ganzem Herzen, es wäre schon soweit.«

Es wurde Freitag, und der Mönch Topas und die Stiefmutter und die ganze Gesellschaft erschienen. Und der Richter war an seinem Platz, und es war eine ansehnliche Versammlung von Leuten da, denn es waren noch viele andere Fälle zu verhandeln. Der Mönch musste wohl oder übel warten, bis er an die Reihe kam, und dann wandte er sich an den Richter und sagte zu ihm: »Seht, Herr Richter, ich habe einen Jungen vor Euch gebracht, der mir und andern viel an schmerzhafter Pein und Ärger zugefügt hat. Er ist ein solcher Schwarzkünstler, dass es nicht seinesgleichen gibt im ganzen Land.«

»Ich halte ihn für einen Hexer«, warf die Hausfrau ein und schaute Jack finster an. Und sogleich hub sie an zu lachen, bis sie niederfiel, und keiner konnte sagen, was ihr fehlte oder woher ihre große Heiterkeit kam. »Frau«, sagte der Richter, »berichte, was du zu sagen hast.« Aber sie konnte kein Wort mehr sagen, auch als Jack ihr Lachen beendet hatte - der Fremde vom Hügel hatte ihm ja die Macht dazu gegeben.

Dann sprach der Mönch Topas und sagte: »Herr Richter, dieser Junge wird mit uns allen übel verfahren, wenn Ihr ihn nicht gründlich züchtigt. Er hat eine Flöte, Herr, die einen tanzen und hüpfen lässt, bis man beinahe zu Tode erschöpft ist.« Der Richter sagte: »Ich würde gern diese Flöte sehen und erfahren, was für eine Fröhlichkeit sie hervorbringen kann.«

»Bei der heiligen Jungfrau, da sei Gott vor!« sprach der Mönch, »erst wenn ich so weit entfernt bin, dass ich es nicht hören kann.«

»Spiel zu, Jack«, sagte der Richter, »und zeig mir, was du kannst.« Jack setzte die Flöte an die Lippen und blies, und schnell war der ganze Saal in Bewegung. Der Richter sprang über das Pult und schlug sich beide Schienbeine an, und er rief dem Jungen zu, um Gottes willen und um die Barmherzigkeit der Jungfrau Maria, er solle nur aufhören. »Gut«, sagte Jack, »ich will aufhören, wenn sie mir versprechen, dass sie mir, solange ich lebe, nie mehr Unrecht zufügen werden.«

Darauf schworen vor dem Richter alle, die da waren: der Mönch, die Stiefmutter und die übrigen, dass sie mit dem Jungen Frieden halten wollten und ihm zu allen Zeiten mit all ihren Kräften helfen würden gegen seine Feinde. Und als sie das getan hatten, sagte Jack dem Richter Lebewohl, und alle gingen fröhlich nach Hause.

Und so kann man sehen, wie dem Jungen alles zum Guten gedieh, weil er höflich und freundlich zu dem alten Mann gewesen war, den er am Hügel getroffen hatte, als er seines Vaters Vieh hütete. Und jedermann im Lande begegnete ihm für alle Zeit mit Ehrfurcht. Der alte Mann aber war in Wirklichkeit ein Zauberer.