[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Das zweiköpfige Ross

Es war einmal ein König namens Domertas. Er hatte einen Sohn, der hieß auch Domertas. Wenn Könige zusammenkommen, dann prahlen sie - der eine mit seinen Kriegern, der andere mit seinem Geld, der dritte mit seinen Rossen. Würde doch nur einer mit einem Pferd prahlen, das zwei Köpfe und zwei Schwänze hat! Und der Vater fragt: »Wo gibt es ein solches Ross, das zwei Köpfe und zwei Schwänze hat?« Der Sohn antwortet: »Ich weiß es. Im neunten Königreich gibt es ein solches Pferd - ein Drache reitet auf ihm.« Der Vater: »Könntest du es mir herbeischaffen?« Der Sohn sagt: »Gib mir zwei Knechte mit, dann werde ich es dir herbeischaffen.« Da gab ihm sein Vater zwei tüchtige Knechte - und sie ritten los. Sie ritten in das neunte Königreich.

Als sie ankamen, fanden sie dort ein Badehaus, in das jede Nacht ein Mensch gebracht wurde, um von dem Drachen verschlungen zu werden. Sie fanden dort ein altes Weib, das zum Fraß dahin geschafft worden war. Sie baten das Weib: »Lass uns hier übernachten!« Sie antwortete aber; »Wie könnte ich euch hier übernachten lassen? Man sieht es euch an, dass ihr hohe Herren seid! Reitet weiter, denn dieses Badehaus steht dazu hier, dass täglich ein Mensch hergebracht wird, um von dem Drachen verschlungen zu werden.« Sie antworten: »Das tut nichts, wir wollen auch hier bleiben.« Der Königssohn ließ seine Knechte im Badehaus. Er gebot ihnen nur, nicht zu schlafen, doch selber ging er hinaus unter die Brücke, um den Drachen zu erwarten.

Als es dunkel geworden war, kam der Drache auf die Brücke geritten. Kaum hatte er die Brücke betreten, da begannen seine Windhunde zu heulen und seine Falken zu schreien. Der Drache sagt: »Ihr Windhunde, heult nicht! Ihr Falken, schreit nicht! Denn hier ist nicht Domertas, auch nicht sein Sohn. Bis hierher bringt nicht einmal ein Rabe seine Knochen!«

»Meine Knochen wird kein Rabe hierher bringen, mich hat aber das tüchtige Ross meines Vaters hergebracht.«

»Bist du denn hier?« Er sagt: »Ja, ich bin hier.«

»Wie groß bist du?«

»Wie eine Erbse.«

»Wie hart bist du?«

»Wie ein Stein.«

»Wie leicht bist du?«

»Wie eine Feder.«

»Willst du nicht mit mir einen Kampf wagen?« Hierauf Domertas: »Darauf warte ich ja nur!«

Sie traten beide auf die Brücke. Der Drache hatte drei Köpfe. Sogleich hieb Domertas die Köpfe ab. Den Drachen aber hackte er in kleine Stücke und warf sie in den Fluss. Er nahm sich nun das Ross und führte es am Zügel fort. Doch die Windhunde liefen und die Falken flogen hinter ihm her. Er kam in das Badehaus und fand die Knechte schlafend. Erst wollte er ihnen den Kopf abschlagen, aber dann, als sie aufgewacht waren, baten sie um Gnade, und er verzieh ihnen. »Nun«, sagt er, »habe ich den Drachen im Kampf bezwungen und ihr könnt schlafen, auch ich werde schlafen.« Sie schliefen sich aus.

In der folgenden Nacht sagt Domertas wieder: »Bleibt hier und schlaft nicht ein! Ich gehe wieder unter die Brücke und warte auf den Drachen.« Als es schon Mitternacht war, lauschte er: Der Drache kommt angeritten. Als er kaum auf der Brücke ist, beginnen die Windhunde zu heulen und die Falken zu schreien. »Ihr Windhunde, heult nicht! Ihr Falken, schreit nicht! Denn hier ist nicht Domertas, auch nicht sein Sohn. Bis hierher bringt nicht einmal ein Rabe seine Knochen!« Da antwortet Domertas unter der Brücke: »Kein Rabe wird meine Knochen herbringen, mich hat aber das tüchtige Ross meines Vaters hergebracht.«

»Bist du denn hier?«

»Ja, ich bin hier.« »Wie groß bist du?«

»Wie eine Erbse.«

»Wie hart bist du?«

»Wie ein Stein.«

»Wie leicht bist du?«

»Wie eine Feder.«

»Willst du nicht einen Kampf mit mir wagen?«

»Darauf warte ich ja gerade!« Als Domertas unter der Brücke hervorsprang, war das ein Drache mit sechs Köpfen. Wie er nun losschlug, hieb er sie alle ab. Den Drachen aber zerhackte er in Stücke, warf sie in den Fluss und führte das Ross des Drachen, seine Windhunde und Falken mit sich fort.

Auch in der dritten Nacht ging Domertas unter die Brücke. Da kam ein Drache mit neun Köpfen auf dem Ross mit zwei Köpfen und zwei Schwänzen angeritten. Die Windhunde begannen zu heulen und die Falken zu schreien. Da sagt der Drache: »Ihr Windhunde, heult nicht! Ihr Falken, schreit nicht! Denn hier ist nicht Domertas, auch nicht sein Sohn. Bis hierher bringt nicht einmal ein Rabe seine Knochen!« Da sagt Domertas: »Kein Rabe wird meine Knochen herbringen, nur das tüchtige Ross meines Vaters.« Der Drache sagt: »Bist du denn hier?«

»Ja, ich bin hier.« »Wie groß bist du?«

»Wie eine Erbse.« »Wie hart bist du?«

»Wie ein Stein.«

»Wie leicht bist du?«

»Wie eine Feder.«

»Komm her zum Kampf mit mir!«

»Darauf warte ich ja gerade!«

Er kam hervor, schlug immer wieder wild auf den Drachen ein und hieb ihm sechs Köpfe ab, doch da war er müde geworden. Nicht lange, da sprang der Drache wieder auf ihn los, doch Domertas hatte sich erholt, und wie er nun wieder losschlug, hieb er ihm die letzten Köpfe ab. Darauf zerhackte er den Drachen, warf ihn in den Fluss und holte sich das zweiköpfige Ross, die Falken und Windhunde zum Badehaus. Er nahm sein silbernes Schwert und zog rings um sich herum einen Schnitt. Er hieß die Knechte schlafen und tat, als ob auch er schliefe, denn über den Silberschnitt kann niemand hinüberkommen.

Es währte jedoch nicht lange, da kamen die drei Frauen der Drachen an. »Jetzt schlafen sie«, sagt die Frau des ersten Drachen. »Ich werde zu den Schlafenden springen und sie verschlingen!« Sie springt - doch sie kann nicht über den Schnitt hinüber springen. Da springen die zweite und die dritte - sie alle können nicht über den Schnitt springen. Die erste sagt: »Wisst ihr was? Ich werde mich in Klee verwandeln, und wenn sie geritten kommen und wenn die Pferde fressen wollen, dann werde ich sie verschlingen!« Und die zweite sagt: »Ich verwandele mich in einen Fluss aus Wein, und wenn sie geritten kommen und trinken wollen, dann werde ich sie verschlingen!« Und die dritte sagt: »Ich verwandele mich in einen Apfelbaum mit so schönen Äpfeln, wie es sie nirgendwo gibt. Und wenn sie geritten kommen, wird ihnen der Duft der Äpfel in die Nase steigen, und wenn sie sie pflücken wollen, dann verschlinge ich sie!« Doch Domertas schlief nicht, er hörte alles.

Als es schon hell geworden war, sagte er zu dem Weibe: »Geh du nun deiner Wege, du bist vom Tode errettet. Jetzt brauchen hier keine Menschen mehr hergebracht zu werden, damit sie der Drache verschlingt.«

Und sie machten sich auf den Weg in ihr Königreich. Unterwegs kommen sie an eine Stelle und sehen, dass da Klee wächst. Da sagen seine Knechte: »Seht mal den Klee, wir werden die Pferde weiden lassen.« Aber Domertas: »Passt auf, dass die Pferde auch nicht einmal die Köpfe hinunterneigen!« Sie ritten glücklich vorüber. Sie ritten weiter und fanden einen Fluss - sein Wasser duftet nach Wein! Sie sagen: »Hier ist sehr wohlschmeckendes Wasser, wir wollen die Pferde trinken lassen!« Doch Domertas sagt: »Passt auf, dass die Pferde auch nicht einmal die Köpfe hinunterneigen!« Auch hier ritten sie glücklich vorüber. Sie ritten weiter und kamen an einen Apfelbaum - die Äpfel waren wunderschön und dufteten herrlich! Sie sagen: »Von diesen Äpfeln wollen wir pflücken!« Domertas hatte nicht einmal mehr Zeit, »nein« zu sagen - da hatte auch schon jeder von seinen Knechten einen Apfel abgepflückt. Sofort wurden die beiden Knechte und ihre Pferde verschlungen, und so blieb er nun allein.

Er ritt weiter, und da begegnete er einem Alten. Der Alte sagt: »Domertas, jetzt reitest du, aber du wirst noch viel Not erleiden! Zuerst wirst du auf dem Wege Steinblöcke finden, die einander stoßen und miteinander kämpfen wie Widder; du aber reite geradewegs auf sie zu, dann werden sie zur Seite weichen. Weiter wirst du zwei Preußenburschen finden, die aufeinander losgehen - hüte dich aber zu lachen, denn wenn du zu lachen anfängst, dann kannst du zu Fuß gehen.«

Er ritt weiter und kam zu den Steinblöcken, die miteinander kämpften wie Widder. Er ritt gerade auf sie los, und die Steine gaben den Weg frei. Weiter fand er die Preußenburschen, die aneinander geraten waren: Der Kleine warf den Großen so heftig durch die Luft, dass der laut zu furzen begann. Domertas sah das und konnte das Lachen nicht unterdrücken. Er lachte los und - siehe, er steht auf der Erde mit seinen Füßen!

Der Arme ging nun weiter. Da sah er: Drei Mädchen sammeln Beeren und haben doch nur ein Auge. Wenn die eine genug gesammelt hat, dann gibt sie das Auge der zweiten, wenn diese mit Sammeln fertig ist, so gibt sie es der dritten, und wenn alle genug gesammelt haben, so legen sie das Auge auf einen kleinen Baumstumpf. Domertas schlich sich heran und stahl ihr Auge. Als die eine ihre Beeren schon gegessen hatte, sagte sie: »Wo hast du das Auge hingelegt?« Die zweite sagt: »Auf den kleinen Baumstumpf habe ich es gelegt.« Sie greift danach, doch es ist nicht da. Sie sagt: »Ich habe gesehen, dass Domertas des Weges kam, da hat er unser Auge gestohlen!« Da sagt die zweite: »Lieber Domertas, lieber Bruder, gib uns unser Auge wieder! Wir werden dir dafür etwas sagen: Jetzt bist du in Not. Doch du wirst auf deinem Wege einem Pechsieder auf seinem Wagen begegnen. Dann kaufe von ihm das kleine Pferdchen - wie viel er dafür fordert, soviel gib ihm!« Da gab Domertas ihnen ihr Auge wieder. Er ging weiter und begegnete dem Pechsieder. Er kaufte von ihm die Schindmähre und bezahlte hundert Goldstücke. Er reitet auf diesem Gaul aus Haut und Knochen, doch je weiter - desto besser geht der, schließlich wird er zum besten Ross der Welt.

Domertas kam zu einem sonderbaren Herrenhof geritten. Dieser Herrenhof war verwunschen und von einer sehr hohen Mauer umgeben. Und dort hausten die Drachen. Sie sagen: »Domertas, überspringe diese Umfriedung, dann wirst du unser Schwiegersohn!« Als er sein Ross hinüber springen ließ, berührte es nicht einmal die Mauer! »Jetzt wirst du mein Schwiegersohn!« sagt die Frau des Drachen. »Ich will dein Schwiegersohn nicht werden! Gib mir nur das Pferd zurück, das zwei Köpfe und zwei Schwänze hat!« Widerwillig gab sie ihm das Pferd zurück.

So reitet Domertas weiter. Doch ehe er sich's versieht, erblickt er ein schwarzes Schwein, das hinter ihm herjagt, und aus seinem Rachen lodert eine Flamme. Das bedeutet für ihn den Tod!

Er kommt zu einer Schmiede geritten: »Schmied«, sagt er, »rette mich!« Der Schmied schloss ihn sofort bei sich in der Schmiede ein. Das Schwein kömmt gelaufen und sagt: »Schmied, gib mir Domertas heraus!« Aber Domertas sagt zum Schmied: »Sag ihm: ›Wie soll ich ihn dir herausgeben - vielleicht stückweise, oder...?‹« Der Schmied sagt: »Ich werde hier durch die Wand ein kleines Loch bohren und dir Domertas stückweise geben.« Während der Schmied das Loch durch die Wand bohrte, machte er im Feuer ein Stück Eisen glühend. »Na«, sagt er, »da nimm!« Und er tut so, als gäbe er ihm Domertas' Hand. Der Schmied schleuderte also dem Schwein das heiße Eisen in den Rachen und sagt: »Ein fester Mann, eine harte Hand!« Danach wirft er die andere Hand hinaus - wieder ein Stück heißes Eisen, dann immer so weiter - die Füße, und dann sagt er: »Jetzt strecke deine Zunge herein, dann werde ich dir wie auf einem Brotschieber den ganzen Rumpf geben!« Das Schwein streckte die Zunge hinein, doch der Schmied hatte inzwischen die Zange glühendheiß gemacht. Er packte die Zunge mit der heißen Zange und hielt sie fest.

Aber Domertas ging sofort mit seinem Schwert hinaus, um das Schwein in Stücke zu zerhauen. Da spie es Domertas' Knechte aus, seine Rosse, Windhunde und Falken. Darauf zerhackte er das Schwein in Stücke und ritt auf dem zweiköpfigen Pferd glücklich heim in das Königreich seines Vaters.

Aber was herrschte da für eine Freude, was gab es da für Feste und Gelage - und sogar ich bin dabei gewesen!