[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Costantino und seine Katze

Es lebte einmal in Böhmen eine ganz arme Frau, Soriana genannt. Die hatte drei Söhne, von denen der eine Dusolino, der zweite Tesifone und der dritte Costantino Fortunato hieß. Sie besaß auf der Welt nichts weiter von Wert als drei Dinge: einen Backtrog, in dem die Frauen den Brotteig kneteten, ein Brotbrett, auf dem sie das Brot formten, und eine Katze. Als nun Soriana, die schon im hohen Alter stand, zum Sterben kam, vermachte sie in ihrem Letzten Willen dem ältesten Sohne Dusolino den Backtrog, dem Tesifone das Brotbrett und dem Costantino die Katze.

Nachdem die Mutter gestorben und beerdigt war, kamen die Nachbarinnen oft und borgten bald den Teigtrog, bald das Teigbrett, wenn sie sie brauchten. Weil sie wussten, wie arm die drei Brüder waren, schenkten sie ihnen jedes Mal einen Kuchen, den Dusolino und Tesifone miteinander aßen, ohne dem jüngsten Bruder etwas abzugeben. Und wenn Costantino sie um etwas bat, so gaben sie ihm zur Antwort, er solle zu seiner Katze gehen, die werde ihm schon etwas geben. Auf diese Weise litt der arme Knabe mit seiner Katze große Not.

Die Katze, die über Zauberkraft verfügte, hatte Mitleid mit ihrem Herrn, ärgerte sich über die beiden Brüder, die ihn so hartherzig behandelten, und sagte zu ihm: »Gräme dich nicht, Costantino; ich werde schon für deinen und meinen Unterhalt sorgen.« Darauf ging sie hinaus aufs Feld, legte sich hin, als ob sie schliefe, fing einen Hasen, der an ihr vorüber lief, und tötete ihn. Dann ging sie damit zum königlichen Palast, sah dort einige Hofleute und sagte zu ihnen, sie möchte gern den König sprechen. Als man dem König meldete, es sei eine Katze draußen, die ihn sprechen wolle, ließ er sie vor sich kommen und fragte sie, was sie wünsche. Sie sprach: »Costantino, mein Herr, sendet Euch diesen Hasen, den er gefangen hat, zum Geschenk.« Der König nahm die Gabe an und fragte, wer dieser Costantino sei. Die Katze erwiderte: »Er ist ein Mann, wie es an Herzensgüte, Schönheit und Macht keinen besseren gibt.« Daraufhin erzeigte sich der König ihr gegenüber sehr freundlich und ließ ihr gut zu essen und zu trinken geben.

Als sich die Katze ordentlich gesättigt hatte, füllte sie mit ihrem Pfötchen auf geschickte Weise, ohne von jemand gesehen zu werden, ihren Schnappsack, den sie an der Seite trug, mit manchem guten Bissen, verabschiedete sich hierauf vom König und brachte die Speisen ihrem Herrn. Die Brüder sahen, wie Costantino triumphierend seine Mahlzeit verzehrte, und baten ihn, er solle sie mit ihnen teilen. Aber er vergalt ihnen jetzt Gleiches mit Gleichem und gab ihnen nichts. Darüber wurden sie so neidisch auf ihn, dass ihnen der Groll beständig am Herzen nagte. Obwohl Costantino schön von Angesicht war, hatten ihm aber die vielen Entbehrungen die Krätze und den Ausschlag verursacht, die ihn sehr plagten. Da ging er mit seiner Katze an den Fluss, und sie wusch und leckte ihn von Kopf bis zu Fuß und kämmte ihn, und in wenigen Tagen war er von seinem Übel befreit.

Unterdessen hatte die Katze immer wieder Geschenke in den königlichen Palast gebracht und auf diese Weise für den Unterhalt ihres Herrn gesorgt. Weil sie aber des ständigen Hinundherlaufens müde war und zudem fürchtete, die Leute des Königs könnten ihrer überdrüssig werden, sagte sie: »Mein Herr, wenn du tun willst, was ich dir sage, so werde ich dich in kurzer Zeit reich machen.«

»Und wie willst du das anstellen?« fragte Costantino. »Komm mit mir und lass mich nur machen. Du sollst reich werden, das habe ich mir vorgenommen.« Dann gingen sie miteinander an den Fluss hinunter, und zwar an eine Stelle nahe beim königlichen Palast. Hier zog die Katze ihrem Herrn die Kleider aus, warf ihn mit seinem Einverständnis ins Wasser und fing laut an zu schreien: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Herbei, herbei, Herr Costantino ist am Ertrinken!« Das hörte der König, gedachte der zahlreichen Geschenke, die er von ihm empfangen hatte, und schickte sofort seine Leute aus, um ihn zu retten. Die zogen ihn aus dem Wasser, legten ihm neue Kleider an und führten ihn vor den König. Dieser empfing ihn sehr freundlich und fragte ihn, wie er denn in den Fluss geraten sei. Weil er aber vor Schmerzen nicht sprechen konnte, nahm die Katze, die ihm immer zur Seite war, das Wort und sagte: »Wisse, o König, einige Spitzbuben hatten durch einen Spion erfahren, dass sich mein Herr mit vielen Kostbarkeiten beladen hierher auf den Weg machte, um sie dir zum Geschenk zu bringen. Da plünderten sie ihn völlig aus und warfen ihn ins Wasser, damit er umkäme. Allein durch die Hilfe dieser wackeren Leute ist er gerettet worden.« Als der König dies vernahm, befahl er, Costantino solle gut bewirtet und bedient werden. Und weil er so schön war und der König wusste, dass er reich sei, beschloss er, ihm seine Tochter Elisetta zur Frau zu geben und sie mit Gold, Edelsteinen und prachtvollen Kleidern auszustatten.

Nachdem die Hochzeit gefeiert und die Festlichkeiten vorüber waren, ließ der König zehn Maultiere mit Gold und fünf mit kostbaren Gewändern beladen und sandte seine Tochter nebst einem großen Gefolge in das Haus ihres Mannes. Costantino, der sich jetzt so geehrt und reich sah und doch nicht wusste, wohin er seine Gemahlin führen sollte, beriet sich mit seiner Katze. »Sei nur ohne Angst, mein Herr«, erwiderte diese, »wir wollen schon für alles sorgen.«

Während nun die ganze Gesellschaft vergnügt dahin ritt, lief die Katze wie der Wind voraus, und als sie von den andern eine große Strecke entfernt war, begegnete sie einigen Reitern und sprach zu ihnen: »Was macht ihr hier, ihr Unglückseligen? Macht, dass ihr fortkommt, denn es wird gleich ein gewaltiger Trupp berittener Leute kommen, die werden euch festnehmen. Da schaut - sie sind schon ganz nahe! Hört ihr das Wiehern der Pferde?«

»Was ist da zu tun?« fragten die Reiter bestürzt. »Ihr müsst es so machen«, antwortete die Katze. »Wenn man euch fragt, wem ihr dient, so antwortet ganz dreist: Herrn Costantino, dann wird man euch nichts antun.«

Und damit lief die Katze weiter und traf eine große Herde Schafe und Kühe an und sagte zu den Hirten das gleiche wie zu den Reitern. Und so verfuhr sie auch mit allen, denen sie unterwegs begegnete. Als nun die Leute, die Elisetta begleiteten, fragten: »Ihr Reiter, wem dient ihr? Und wem gehören diese schönen Herden?« antworteten alle wie mit einer Stimme: »Herrn Costantino.«

»Wir fahren also schon auf Eurem Grund und Boden, Herr Costantino?« fragten die Begleiter der Prinzessin. Und er bejahte es durch Kopfnicken, und so antwortete er jedes Mal mit ja, wenn er solches gefragt wurde, weshalb ihn denn die Gesellschaft für gewaltig reich hielt.

Die Katze war inzwischen zu einem herrlichen Schloss gekommen, in welchem sie nur wenige Menschen fand. »Ihr guten Leute, was macht ihr da? Wisst ihr denn gar nichts von dem Unheil, das euch droht?«

»Was für eins?« fragten die im Schloss. »Es vergeht keine Stunde, so wird ein großer Haufen Soldaten hier sein, die werden euch in Stücke hauen. Hört ihr nicht die Pferde wiehern? Seht ihr nicht dort den Staub aufsteigen? Wollt ihr nicht umkommen, so folgt meinem Rat, das wird euch alle retten. Wenn euch jemand fragt, wem dieses Schloss gehört, so antwortet: ›Herrn Costantino Fortunato.‹« Und so taten sie.

Die edle Gesellschaft langte bald darauf an dem schönen Schlosse an. Man fragte die Torhüter und Wächter, wem es gehöre, und alle antworteten einstimmig: »Herrn Costantino Fortunato«, worauf alles eintrat und ehrenvolle Unterkunft fand.

Der Besitzer dieses Schlosses war der Ritter Valentino, ein tapferer Kriegsmann, der kurz vorher ausgeritten war, um seine Frau, die er jüngst genommen hatte, heimzuführen. Er hatte aber Unglück, denn ehe er den Aufenthaltsort seiner lieben Frau erreichte, traf ihn unterwegs ein plötzlicher und trauriger Unfall, an dem er augenblicklich starb. So blieb denn Costantino Herr des Schlosses. Bald danach starb Morando, der König von Böhmen, und das Volk rief Costantino Fortunato zum Nachfolger aus; denn er war der Gemahl Elisettas, der Tochter des verstorbenen Königs, welcher das Reich als Erbin zufiel. Und so ward aus Costantino, der arm wie ein Bettler gewesen, ein Herr und König, und er lebte noch lange Zeit mit seiner Elisetta und hinterließ später seinen Söhnen das Reich.