[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Bruder und Schwester

Nach dem Tod der Eltern blieben Bruder und Schwester verwaist zurück. Sie besorgten ihre kleine Wirtschaft, ohne von jemandem Hilfe zu erwarten. Die ständige Sorge füreinander festigte ihre Liebe. Als die Schwester herangewachsen war, sagte sie eines Tages zu ihrem Bruder: »Wäre es für dich nicht an der Zeit zu heiraten? Du hättest ein warmes Bett, und ich hätte eine Freundin.« Sie selbst hätte nämlich auch gern geheiratet. So nahm sich der Bruder ein Mädchen aus guter Familie zur Frau. Die jungen Eheleute lebten zunächst in Eintracht und Liebe miteinander. Doch allmählich begann die junge Frau ihre Schwägerin zu hassen und beschloss, Zwietracht zu säen zwischen Bruder und Schwester. So schnitt sie eines Tages die neue Burka in Stücke und wehklagte, als der Mann nach Hause kam: »Schau, was deine Schwester getan hat! Sie zerschnitt die Burka sicherlich nur, um uns zu erzürnen.« Der junge Mann schwieg. Die Schwester wusste zwar, dass ihre Schwägerin den Filzumhang selbst zerschnitten hatte, um sie mit ihrem Bruder zu entzweien, aber sie sagte kein Wort, denn sie wollte keinen Streit in die Sakija tragen. Nach einiger Zeit warf die junge Frau den Dolch mit dem Gürtel ins Feuer. Als der Mann am Herd saß, holte sie mit der Asche wie zufällig den Klumpen Silber heraus, zu dem der Dolch geworden war. Wieder schrie die Frau weinend: »Wozu hat deine Schwester uns das angetan? Wenn sie von dir gleich wegen der Burka zurechtgewiesen worden wäre, hätte sie den Dolch nicht ins Feuer geworfen!« Doch auch diesmal schwieg der Bruder.

Nach einiger Zeit wurde ihm ein Sohn geboren. Acht oder neun Monate vergingen, der Knabe gedieh, war gesund und munter, doch die böse Mutter tötete den Säugling im Schlaf, um die Schwägerin endgültig aus dem Haus zu jagen. Morgens saß sie mit ihrem Mann in der Sonne vor der Sakija. »Warum schläft unser Kleiner heute eigentlich so lange?« fragte sie scheinheilig, als wisse sie von nichts. Sie trat an die Wiege, hob die Decke und brach in lautes Wehklagen aus. »Deine Schwester hat unseren Sohn getötet! Damit wollte sie uns das größte Leid antun!« Darauf sagte der Bruder zu seiner Schwester: »Wir können nicht länger unter einem Dach zusammen leben. Pack deine Sachen und geh fort von uns.« So verjagte der Bruder seine Schwester, ohne ihr jedoch ein böses Wort zu sagen oder sie gar zu verfluchen. Das Mädchen ging, nachdem es seine Heimstatt verloren hatte, in den Wald, eine Zuflucht zu suchen, und gelangte zu einer Felsenhöhle in der Nähe einer sprudelnden Quelle. Hier beschloss sie, ihr Leben in stillem Gebet zu verbringen.

Einmal ging der Khan mit seinen Dienern in diesem Wald auf Jagd. Da bemerkten sie unweit der Quelle ein Geschöpf, das an ein menschliches Lebewesen erinnerte. Der Sohn des Khans schickte also seine Diener aus, um zu erfahren, wer sich dort verborgen hielt: ein Mensch oder ein Tier. Das Mädchen lebte bereits zwei Sommer im Wald, ihr Kleid war zerlumpt, und sie schämte sich, den Menschen unter die Augen zu treten. Als sich ihr die Diener des Khans näherten, rief sie: »Bleibt stehen, ich bin nackt und bloß!« Die Bediensteten kehrten zum Tross zurück und berichteten dem Sohn des Khans, was sie gesehen hatten. Darauf befahl der Khan seinen Dienern, an sichtbarer Stelle seinen Umhang auszubreiten. Als das Mädchen den Umhang erblickte, freute sie sich und warf ihn sich um. Nun ritt der Sohn des Khans zu ihr und fragte sie, warum sie hier lebe. »Ich hatte mich bei fremden Leuten zur Arbeit verdungen. Auf dem Rückweg aber verirrte ich mich, und so lebe ich nun schon zwei Jahre in diesem Wald«, entgegnete das Mädchen. »Magst du mit mir kommen?« fragte der Jüngling. »Gern, aber nur, wenn du mich heiratest.« Dem Sohn des Khans gefiel das schöne Mädchen, und er versprach: »Gut, ich werde dich heiraten.« Er gab ihr das beste Reitpferd, das Mädchen saß auf, und sie ritten zum Hof des Khans. Sprach der Jüngling zu seiner Mutter: »Haltet dieses Mädchen wie eure Tochter.« Die Eltern des Jünglings gewannen das Mädchen lieb, und das Mädchen ehrte sie und sorgte für sie, wie die eigene Tochter es besser nicht hätte tun können. Sie wusch die Kleider der alten Leute und kämmte ihnen das Haar. Das Mädchen wurde gut gekleidet und ernährt und wurde noch schöner. Eines Tages sprachen die Eltern zu ihrem Sohn: »Wir möchten das Mädchen nicht mit einem Fremden vermählen. Nimm du sie zur Frau.« Der Sohn willigte mit Freuden ein, umso mehr, als er dem Mädchen im Walde versprochen hatte, sie zu ehelichen. So wurde Hochzeit gefeiert.

Neun Monate später aber musste der Sohn des Khans in den Krieg ziehen. Dort begegnete er dem Bruder seiner Frau, und sie wurden Freunde, ohne zu ahnen, dass sie miteinander verwandt waren. Bevor er in den Krieg zog, hatte der Jüngling seine Eltern gebeten, ihm Kunde zu geben, wenn seine Frau mit einem Knaben niederkommen würde. In der Tat schenkte die junge Frau bald einem Sohn das Leben, und die Alten sandten ihrem Sohn einen Boten mit der Nachricht. Nun begab es sich aber, dass der Bote durch den Aul kam, in dem das Mädchen früher gelebt hatte, und in ihrer Sakija übernachtete. Die Frau des Bruders fragte ihn nach dem Woher und Wohin. Der Bote erzählte ihr von dem Sohn des Khans, der bei der Jagd ein Mädchen gefunden und es geheiratet hatte. Nun sei die junge Frau mit einem Sohn niedergekommen, und er wolle die Nachricht seinem Herrn überbringen. Drauf bat die Frau: »Mein Mann ist auch im Krieg. Ich würde ihm gern einen Brief mitschicken. Zeig mir den Brief an den Sohn des Khans.« Der Bote gab ihr den Brief, und sie lief damit zum Mullah, auf dass er ihn ihr vorlese. Die Alten hatten in dem Brief geschrieben, dass ihr Sohn einen gesunden Knaben habe, schön wie ein goldener Apfel, und sie beglückwünschten den jungen Vater. Die böse Schwägerin gab dem Mullah Geld und sagte: »Schreib einen anderen Brief: Seine Frau habe keinen Knaben, sondern einen jungen Hund geboren. Seine Eltern bäten ihn, die junge Frau fortzujagen, sonst würden sie ihn nicht mehr als ihren Sohn betrachten.« Der Mullah schrieb, wie ihm geheißen, die Frau vertauschte die Briefe, und der Bote ritt mit dem falschen weiter.

Als der Sohn des Khans den Brief las, wurde er tieftraurig. Nach langem Grübeln antwortete er seinen Eltern: »Ich bitte Euch, tut meiner Frau nichts zuleide, selbst wenn sie nicht einen jungen Hund, sondern ein Ferkel zur Welt gebracht hätte.« Der Bote nahm den Brief und übernachtete auf dem Rückweg wiederum in dem Aul. Abermals bekam die böse Frau den Brief in ihre Hände. Sie lief erneut zum Mullah, steckte ihm Geld zu und forderte, folgenden Brief zu verfassen: »Selbst wenn meine Frau ein Kind zur Welt gebracht hat, schöner als ein goldener Apfel, so jagt sie fort, bevor ich zurückkehre, sonst will ich Euch nicht mehr als meine Eltern achten.« Als die alten Leute den Brief des jungen Khans lasen, überkam sie große Traurigkeit. Sie wunderten sich, dass ihr Sohn einen so hartherzigen Brief schreiben konnte, und weinten bitterlich. Den ganzen Tag über konnten sie keinen Bissen zu sich nehmen. So lebten sie, bis die Kunde kam, dass der Feldzug beendet sei und der Sohn heimkehren werde. Da riefen sie die Schwiegertochter zu sich und erzählten ihr alles. Die junge Frau ging fort, zog durch die Aule und lebte von den milden Gaben barmherziger Menschen.

Eines Tages kam sie in den Aul, in dem ihr Bruder lebte. Kein Mensch erkannte sie, denn sie trug ein Bettlerkleid. In diesem Aul herrschte der Brauch, Bettler in den Sakijas nächtigen zu lassen. Der Dorfälteste bestimmte jeweils, welches Haus einen Obdachlosen aufnehmen solle. Diesmal war die böse Schwägerin an der Reihe. Sie erkannte die arme Fremde nicht und schickte sie in ein finsteres Kellerloch zum Schlafen. In dieser Nacht kehrte der Bruder aus dem Krieg zurück und brachte seinen Freund, den jungen Khan, mit. Auch der Mullah stellte sich ein, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Voller Ungeduld fragten die Krieger nach Neuigkeiten, war doch viel Zeit vergangen, seit sie in den Kampf gezogen waren. Drauf sagte die Hausherrin: »Bei uns nächtigt heute eine Bettlerin. Sicherlich weiß sie viel Neues zu berichten.« Die böse Frau ging in den Keller, um die Bettlerin zu holen. Doch die Bettlerin erwiderte: »Was für Neuigkeiten kennt schon eine Bettlerin.« Die Hausfrau ging in die Stube zurück und ließ ihren Mann wissen: »Die Bettlerin kennt keine Neuigkeiten und will schlafen.« Da schickten die Männer die Hausfrau noch einmal nach der Bettlerin und ließen ihr ausrichten, sie bäten sie inständig zu sich herauf. Für alles, was sie zu erzählen habe, wolle man sie reich entlohnen. Die Bettlerin seufzte: »Na, schön, wenn sie mich so bitten, will ich ihrem Wunsch nachkommen.« Sie ging mit nach oben, setzte sich auf eine Bank ihrem Bruder und ihrem Mann gegenüber und nahm ihren Sohn auf den Schoß. »Wie geht es dir, gute Frau?« fragten die Männer. »Ich ziehe durch die Aule und lebe von Almosen. Wenn ihr wollt, erzähle ich euch eine Geschichte. Verriegelt zuvor aber die Tür und Lasst keinen aus der Stube.« Man erfüllte der Frau den Wunsch.

Also hob sie an: »Es lebten einmal Bruder und Schwester. Sie waren einander sehr zugetan. Als sie groß waren, heiratete der Bruder ein Mädchen aus guter Familie. Doch bald begann die junge Frau ihre Schwägerin zu hassen. Sie wollte, dass das Mädchen das Haus verließ. So dachte sie sich die verschiedensten Beschuldigungen aus und verleumdete die Schwester bei ihrem Bruder. Das erste Mal zerschnitt sie die neue Burka ihres Mannes und. beschuldigte die Schwester. Der Bruder schwieg. Dann warf sie seinen silbernen Dolch in den Herd und den Gürtel dazu. Auch diesmal sagte der Bruder nichts. Endlich tötete sie ihren Sohn und sagte dem Mann, das habe seine Schwester getan.« Als die Erzählerin hier angelangt war, sah der Bruder aufmerksam die Bettlerin und dann seine Frau an. Die erschrak zutiefst, denn sie erkannte das Mädchen. Die Bettlerin fuhr fort: »Nun sagte der Bruder freundlich zu seiner Schwester, sie möge mit sich nehmen, was sie brauche, und sein Haus verlassen. Zwei Jahre lang lebte das Mädchen im Wald. Eines Tages zog der Sohn des Khans in diese Gegend auf Jagd, erblickte das Mädchen, versprach ihr, sie zu ehelichen, und nahm sie mit sich. Die Eltern des jungen Khans gewannen das Mädchen lieb, der Jüngling hielt sein Versprechen und heiratete das Mädchen. Dann kam die Zeit, da der junge Khan in den Krieg ziehen musste. Er bat die Eltern, ihm Kunde zu geben, wenn ihm ein Sohn geboren worden sei.« Hier blickte der junge Khan die Bettlerin forschend an.

Jene fuhr fort: »Die Frau des jungen Khan schenkte einem Knaben das Leben. Die Eltern sandten dem Sohn einen Brief, in dem sie schrieben, dass er einen gesunden Sohn habe. Der Bote, der die Nachricht überbringen sollte, nächtigte, wie es der Zufall wollte, in dem Aul des Bruders bei dessen junger Frau. Als diese von dem Boten die Geschichte hörte, bat sie ihn um den Brief, ging zum Mullah, gab ihm Geld und hieß ihn, einen anderen Brief zu schreiben. Darin teilte sie mit, dass dem jungen Khan ein junger Hund, nicht aber ein Knabe geboren worden sei und dass die Eltern des jungen Khan ihren Sohn inständig bäten, die junge Frau fortzujagen, sonst würden sie ihn nicht mehr als ihren Sohn betrachten.« Da erschrak der Mullah und wusste nicht aus noch ein vor Angst. »Der Bote überbrachte den Brief. Als der junge Khan ihn las, war sein Erstaunen groß. Lange ging er traurig einher. Schließlich schrieb er seinen Eltern einen Brief, in dem er sie bat, seine Frau nicht anzurühren, selbst wenn sie ein Ferkel geboren hätte. Auf dem Rückweg nächtigte der Bote wiederum bei jener bösen Frau. Sie bat ihn um den Brief, ging zum Mullah, gab ihm Geld, und der schrieb einen anderen Brief, in dem der junge Khan seinen Eltern befahl, die junge Frau mit ihrem Sohn fortzujagen.« Bei diesen Worten setzte die Bettlerin dem jungen Khan ihren Knaben auf die Knie. Sie sprach: »Nimm ihn! Es ist dein Sohn.«

Dann fuhr sie fort: »Als die Eltern des jungen Khan den Brief gelesen hatten, wunderten sie sich und wurden tieftraurig. Sie aßen nichts mehr, sie tranken nichts mehr, sie weinten nur noch. Denn es fiel ihnen schwer, sich von der Schwiegertochter zu trennen. Andererseits mussten sie den Willen des Sohnes respektieren. Als die Zeit kam, da der Sohn aus dem Krieg heimkehren sollte, riefen sie die Schwiegertochter, sagten ihr, dass sie alles mit sich nehmen möge, was sie brauche, und schickten sie davon. Die junge Frau nahm nichts außer ihrem Sohn und zog bettelnd durch die Aule. Endlich gelangte sie in ihren Heimataul, in diese Sakija, und nun sitzt sie hier vor euch.« Da zogen der Bruder und der junge Khan ihre Pistolen und erschossen die böse Frau und den Mullah. Der junge Khan schloss seine Frau und seinen Sohn in die Arme und ritt mit ihnen heimwärts, gemeinsam mit seinem Freund, dem Bruder seiner Frau, den er zu sich als Gast einlud. Die Eltern freuten sich über die Ankunft ihres Sohnes, noch mehr aber über die Rückkehr der geliebten Schwiegertochter und ihres Enkels. Der junge Khan fand für seinen Freund ein gutes Mädchen und gab sie ihm zur Frau. Sie veranstalteten ein Fest für alle Welt, das heute noch währt. Auch ich bin dabei gewesen und habe an der Festtafel gesessen.