[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Marienlegenden Auf der Suche nach Jesus

Maria träumte: sie, ginge einen mühseligen Pfad ohne Ende entlang in die Irre. Da erschien ihr im Traum der Engel des Herrn und sagte zu ihr mit gewaltiger Stimme; »Wach auf, Maria, wach auf, reine Magd; denn Judas mit dem Schlangenherzen hat deinen Sohn an Pilatus verraten. Die stählerne Lanze wird in das reine Herz deines Sohnes stechen. Er wird an das Kreuz geschlagen werden wie ein Verbrecher. Jesus aber, der Mann ohne Tod, wird nun zur Errettung des Menschengeschlechtes sterben wie ein Sterblicher.« Da erwachte Maria aus dem bösen Traum, raufte sich das Haar und weinte, zu Tode betrübt. Ihr Wehgeschrei drang bis in den Himmel. Als es die Engel hörten, weinten sie bittere Tränen und bedeckten sich mit ihren großen Flügeln.

Weinend ging sie in das gottesfürchtige Haus des Lazarus, des vom Tode Auferstandenen, um dort bei Befreundeten ihren Sohn zu betrauern. Magdalena, die goldhaarige Schwester des Lazarus, weinte heftig, als sie die Schreckensnachricht aus dem Munde der Mutter Maria erfuhr. Sie raufte ihr schönes Haar und sagte: »Q, wie konnte es zugelassen werden, dass der Held ohne Preis von dem Verräter Judas um dreißig Silberlinge verkauft werden konnte? Gehen wir, gebeugte Mutter, gehen wir hin, wo Jesus zu Unrecht Qualen erleidet. Er mit dem göttlichen Blick wird sterben, wenn ihn die Lanze durchbohrt, und keinen mütterlichen Schoß haben, um in ihn sein Haupt zu legen!« So brachen sie dann alle beide auf und wanderten über den langen Pfad, der durch dichte Wälder führt. Ungesehen wurde sie von dem Engel des Herrn, den Maria im Traume gesehen, behütet. Die Mutter Gottes aber hatte einen Wanderstab aus Stahl und Bundschuhe aus Eisen.

Auf dem Wege begegneten sie einer Kröte. Um die göttliche Macht offenbar zu machen, ließ der Engel Maria sagen: »Du, Kröte! Geschöpf Gottes, kannst du mir den Weg zeigen, der zu dem Orte führt, an dem Jesus gemartert wird?« Die Kröte sagte mit menschlicher Stimme: »O Mutter Gottes! ich komme von dort und habe gesehen, wie sie den göttlichen Jesus an dem Kreuze quälen. Sie spucken ihm ins Antlitz und spotten seiner!« Als Maria das hörte, begann sie zu weinen und zu wehklagen. Die Kröte aber sagte mit sanfter Stimme: »Weine nicht mehr, Maria, und wehklage nicht mehr. Nimm den Weg gegen Sonnenuntergang, und du wirst Jesus finden.«

Als die Frauen weitergingen, kamen sie zu einer Quelle, die war klar wie Tränen und floss durch das grüne Gras. An ihrem Rande stand eine mächtige Blutbuche, die sie zur Hälfte beschattete. Maria, die das Bächlein überschreiten wollte, sagte: »Breite einen Zweig aus, Blutbuche, über die Quelle hin, dass ich über ihn an das andere Ufer schreiten, kann; denn mich erwartet Jesus, mein Sohn, den die verfluchten Juden martern!« Die Blutbuche aber antwortete: »Einen Zweig breite ich nicht aus; denn wenn du über ihn hinschreitest, wird er abbrechen, und ich bleibe geschändet und hässlich unter den anderen Bäumen.« Da verwünschte ihn die Mutter Gottes und sagte: »O Blutbuche, Blutbuche, du hast kein Mitleid mit dem Schmerz einer Mutter. Weshalb bist du uns keine Hilfe? Aber du weißt nicht, wozu eine Mutter in ihrem Schmerz fähig ist. Deshalb verwünsche ich dich: Blut soll aus dir fließen, wie aus den Menschen, wenn man auch nur ein kleines Zweiglein von dir abreißt; so sollst du auch spüren, was Schmerz ist! Und aus deinen Ästen soll man keinen Bratspieß machen können!«

Die Jungfrau Maria aber ging mit der goldhaarigen Magdalena weiter und gelangte mit Hilfe ihres Schutzengels über den Bach hinüber. Sie gingen immer weiter und immer weiter. Die Nacht warf ihre Schatten über die Erde, und die Mondstrahlen schimmerten in dem Goldhaar der Magdalena. Sie gelangten zu einem Bächlein, in dem sich ein großer und schöner Olivenbaum spiegelte. Da sagte die Mutter Gottes: »Breite einen Zweig über den Bach, Olivenbaum, dass wir an das andere Ufer gehen können; denn mich erwartet Christus, mein Sohn, an das Kreuz geschlagen und von den Juden verspottet!« Der Olivenbaum breitete, einen Zweig über das Wasser aus und ließ sie hinüber schreiten. Da sagte Maria: »O Olivenbaum, ich segne dich, der du eine Mutter in ihrem Schmerz mit Mitleid ansiehst. Dein Holz soll heilig sein, und aus deinen Früchten soll man ein Öl pressen, das in den Lampen auf dem Altar brennen soll, zum Gebet und zur Errettung der Menschen aus ihren Sünden.« Und sie gingen immer weiter.

Da gelangten sie zu einer alten Linde mit breiten Blättern, die stand in voller Blüte. Sie hielt ihr Geäst über eine rauschende Quelle. Da sagte die Gottes Mutter: »O große blühende Linde, habe Mitleid mit einer Mutter in Schmerzen und breite deine Äste über die Quelle, damit wir hinüber schreiten können; denn mich erwartet mein Sohn, den die verruchten Juden zu Tode martern!« Die Linde breitete das Geäst über die Quelle und ließ die Mutter Gottes und Magdalena hinüber schreiten. Da sagte Maria: »O Linde! sei gesegnet, da du voll Mitleid auf eine Mutter in Schmerzen siehst. Du sollst einmal im Jahre in der Kirche stehen, deine Blüten aber sollen die heiligen Bilder schmücken!« Und sie wanderten und wanderten weiter.

Und wieder kamen sie zu einer Quelle, über die hin ein mächtiger Nussbaum seinen großen Schatten warf. Die Mutter Gottes, die über das Bächlein schreiten wollte, sagte: »O Nussbaum! breite einen Ast über das Wasser, damit wir hinüber schreiten können; denn mich erwartet mein Sohn, der in der Marter der Juden vergeht!« Und der Nussbaum breitete einen Ast aus, über den die Marien hinüber schritten. Die Mutter Gottes segnete den Baum: »Sei gesegnet, Nussbaum, aus deinem Holz soll man Heiligenbilder machen!« Und so gingen sie weiter.

Nach dieser langen Wanderung kamen sie bei dem Grabe Jesu an. Das Grab war neun Klafter tief und neun Klafter breit, und auf seiner Öffnung lag ein mächtiger Stein. Im Grab ruhte der Leichnam dessen, der zur Erlösung der Menschheit so viel gelitten hat. Er hatte Nägel in seinen Füßen und in seinen Händen und eine Lanze in seiner Lende. Er, der Beleidigungen und Ohrfeigen erhalten hatte von Kaisern und Verdammten. Er, dessen vom Geist erleuchtete Stirn unter heftigen Schmerzen die Dornenkrone getragen hatte. Er, dessen trockene Lippen, von denen das Wort Gottes ausging, mit Essig getränkt worden waren!

Maria sah, von Schmerz geschüttelt, wie an dem Grabstein ihres geliebten Sohnes die jüdischen Mörder zu Tische saßen. Vor ihnen lag, auf dem Stein ausgebreitet, ein ungesäuertes Brot, Wein und in einer Schüssel ein gebratener Hahn. Die Juden aber sagten: »Wenn sich das ungesäuerte Brot in ein Kornfeld verwandelt, dann wirst du deinen Sohn sehen, Maria, dann und vielleicht auch dann nicht! Wenn sich der Wein in Trauben am Rebenhügel verwandelt, dann wirst du deinen Sohn sehen, Maria, dann und vielleicht auch dann nicht! Wenn dieser Hahn am Rande der Schüssel stehen und krähen wird, dann wirst du deinen Sohn sehen, Maria, dann und vielleicht auch dann nicht!« Und darauf schwiegen sie.

Da erbebte die Erde. Ein Sturm erhob sich von Osten her. Die Mutter Gottes betete. Die Juden aber versteinerten vor Entsetzen. Das Wort Gottes erfüllte sich durch eine heilige Wandlung; denn auf einmal verwandelte sich das Brot in ein großes Kornfeld, das sich gegen Mittag ausbreitete, der Wein in Trauben, die an grün belaubten Reben an den Abhängen der Hügel gegen Mitternacht hingen, der Hahn aber erwachte zu Leben, sprang an den Rand der Schüssel rund begann mit lautet Stimme zur Auferstehung Jesu zu krähen. Er schlug mit den Flügeln, rollte die Augen und hob seinen Fuß gegen die entsetzten Juden, die zitternd vor Furcht vor dem Zorne Gottes flohen.

Die Mutter Gottes aber schlug, erfüllt vom heiligen Geiste, mit ihrem Wanderstab das Zeichen des Kreuzes auf den Grabstein. Da hörte man ein dumpfes Brausen aus der Tiefe der Erde, der Stein erbebte und sprang zur Seite. Das Grab ward geöffnet. Am Himmel aber erschien ein großes Licht, das die Menschen blendete. Diesem großen Licht entgegen, Gott, dem Allmächtigen, entgegen, erhob sich leicht der aus dem Grab erstandene Jesus. Er, der auf der Erde für die ganze Welt gelitten hatte. Er, der in den Himmeln für die Welt betet. Die Mutter Gottes aber wandte ihr Antlitz der Welt zu und sprach mit gewaltiger Stimme: »Wer die Geschichte der Leiden Christi kennt und nicht weitergibt, der wird auf falschen Wegen mit leeren Bechern und ausgelöschten Fackeln durchs das Leben gehen. Wer die Geschichte aber weitergeben wird, der wird auf rechten Wegen mit vollen Bechern und brennenden Fackeln durch das Leben gehen!«