[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Warum die Biene Freude bringt, aber die Spinne Leid

Ehe es auf Erden Bienen und Spinnen gab, lebte einst eine arme Witwe mit ihrem Sohn und einer Tochter. Die Frau arbeitete vom Morgen bis spät in die Nacht hinein, trotzdem hatten ihre Kinder nicht genug zu essen, aber die Witwe zog sie doch unter großen Opfern groß.

Als sie herangewachsen waren, war es für sie Zeit, einen Beruf zu ergreifen, um endlich ihre Mutter zu unterstützen. So zogen beide in die Welt hinaus, um sich Arbeit zu suchen, das Mädchen gelangte zu einer großen Baustelle und half den Maurern, indem sie den lieben langen Tag Ziegel und Mörtel schleppte. Der Sohn kam zu einem Weber, erlernte bei schwerer Arbeit dessen Handwerk.

So verging die Zeit, bis die Witwe schwer krank wurde und sich zu Bett legen mußte. Als sie merkte, daß ihre letzte Stunde nahte, ließ sie ihre Kinder zu sich rufen.

Wie nun die Tochter von der Todeskrankheit der Mutter erfuhr, ließ sie den Baustein fallen, den sie gerade in der Schürze trug, und fing an zu weinen. Ohne zu zögern, lief sie nach Hause, um ihrer Mutter beizustehen.

Als der Sohn die Nachricht erhielt, blieb er ruhig am Webstuhl sitzen und meinte: »Nun, wenn meine Mutter krank ist, kann ich ihr auch nicht helfen. Meine Arbeit kann ich deswegen nicht im Stich lassen!«

Er blieb also an seinem Webstuhl sitzen und webte weiter an dem Stück, das er gerade in Arbeit hatte.

Als die Witwe ihre Tochter sah, die ihretwegen alles stehen und liegen gelassen hatte, um an ihr Krankenbett zu eilen, segnete sie das Mädchen und sagte: »Mein Kind, du bist immer lieb und gut zu mir gewesen und hast mir in meiner letzten Stunde Trost gebracht, deshalb sollst du dein ganzes Leben lang allen Menschen Freude bringen.«

Über das Fernbleiben ihres Sohnes vergoß die Kranke bittere Tränen, verfluchte seine Lieblosigkeit und seinen Undank und sprach: »Mein Sohn, du wolltest an deinem Webstuhl bleiben und mich alleine sterben lassen. Deshalb sollst du dein Leben lang weben, ohne Freude an deiner Arbeit zu haben, denn was du webst, werden andere zerstören, und du wirst allein in einer Ecke sitzen müssen.«

Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, hauchte die Witwe ihre Seele aus. Doch wie sie gesagt hatte, geschah es. Die Tochter verwandelte sich in eine fleißige Biene, die den Menschen Freude brachte: Honig für süße Kuchen und Wachs für bunte Kerzen.

Der herzlose Bruder aber verwandelte sich in eine Spinne, die, von allen gehaßt, in der Ecke sitzt und ihr Netz webt, ohne damit fertig zu werden, denn kaum wird es von jemand erblickt, zerstört er es und verjagt die böse Spinne.

Seit dieser Zeit gibt es auf der Erde Bienen und Spinnen.